With and Within

Any architectural site today is defined by a collision of forces—economic, political, environmental—that a single, professionalized form of expertise, like architecture, cannot decipher on its own. Whether in the biggest cities or most remote villages, the term “building” ends up feeling less indicative of a process of creation than the output of a careful coordination—an intricate choreography—of conflicting influences. This issue asks what it means for the architect to operate within a tangled web of players and assume a more humble, modest place in a rich ecology of practices.

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Nicht nur Reisende

Niklas Fanelsa auf der Suche nach Mustern.

Der ländliche Raum steht wieder im Mittelpunkt als ein Ort, der Lebens-, Arbeits- und Produktionsweisen hervorbringt, die für Städter erstrebenswert sind. In ländlichen Regionen entstehen Orte, die Bewohner:innen, deren Wissen und Fähigkeiten zusammenbringen und Prototypen des Gemeinschaffens kreieren, die ein erhöhtes Bewusstsein für den gebauten Raum und dessen soziale Netzwerke schaffen. Auf dem Land kommen Gruppen zusammen, die den lokalen Kontext mit einem holistischen Ansatz an das Leben und Arbeiten verfeinern und erweitern. Der Maßstab des Dorfes bietet dabei ein Versuchsfeld für die Anwendung von gemeinschaftlichen Aktivitäten. In einer solchen persönlichen Umgebung sind die direkten Auswirkungen auf das tägliche Leben der gesamten Gemeinschaft spürbar und fördern unmittelbar die ortsbezogene Entwicklung.

Die atmosphärischen Qualitäten und den Lebensstil des ländlichen Raums habe ich zum ersten Mal während meines Architekturstudiums in Japan erlebt. Meine Mitstudierenden und ich verbrachten viele Wochen in Niigata, einem ländlichen Gebiet in Westjapan, dessen Kultur und Architektur stark mit den Jahreszeiten verbunden sind. In Niigata fallen im Winter mehr als drei Meter Schnee. Mit meinen Mitstudierenden baute ich einen mobilen Wagen, der bei einer Kochperformance anlässlich einer Ausstellungseröffnung verwendet wurde. Zusammen mit lokalen Handwerkern haben wir Holz aus einem ehemaligen Bauernhaus wiederverwendet, Verbindungspunkte konstruiert und die Elemente zusammengebaut. Neben dieser gemeinsamen praktischen Arbeit war die Erfahrung des gemeinschaftlichen Alltags ebenso wertvoll: wir lebten mit den Einheimischen zusammen, saßen bis spät in die Nacht mit ihnen am Kotatsu (einem von unten beheizten Tisch), besuchten ihre Dorffeste und probierten ihre regionalen Gerichte. Als Studierende aus dem Ausland und der Metropole Tokio waren wir nicht vertraut mit dieser ländlichen Situation, in der man über den Hauptberuf hinaus so talentiert sein konnte, sein eigenes Haus zu bauen und instand zu halten, seine eigenen Lebensmittel anzubauen und einzulegen und an gemeinschaftlichen Dorfaktivitäten teilzunehmen. Unsere Aufgaben als Studierende hatten uns einen Rahmen gegeben, durch den wir mit dem Dorf in Beziehung treten konnten: wir arbeiteten mit lokalen Handwerkern zusammen und organisierten Veranstaltungen mit den Ortsansässigen. All diese Aktivitäten ermöglichten ein umfassendes Lernen und ganzheitliches Verständnis des Kontextes und seiner Alltagspraktiken. Dieser Ansatz stand im Gegensatz zu den Strategien, mit denen wir in der Stadt vertraut waren, wo uns beigebracht wurde, uns auf die theoretische Planung und Gestaltung einer Aufgabe zu konzentrieren und nicht auf deren direkte und physische Umsetzung im Zusammenhang mit Ortsansässigen, Jahreszeiten und Baumaterialien.

Nach meiner Rückkehr nach Deutschland beendete ich mein Architekturstudium. Danach schloss ich mich einer Gruppe von fünf Absolvent:innen an. Gemeinsam beschlossen wir, an einer kleinen physischen Struktur zu arbeiten, anstatt reguläre Stellen in Architekturbüros anzutreten. Wir hatten Architektur durch konzeptionelle Entwurfsübungen und Seminare über die fachgerechte Konstruktion nach Regeln und Industriestandards gelernt – dennoch hatten wir das Gefühl, dass diese Ausbildung uns von der tatsächlichen Produktion sinnvoller Beiträge als Architekt:innen entfernt hatte. Wir wollten uns im wahrsten Sinne des Wortes die Hände schmutzig machen und mit der Erwartung brechen, dass wir nach unserem Abschluss bei berühmten Büros beginnen müssten mit dem Ziel, Wettbewerbe zu gewinnen. Eine alternative Umgebung würde es uns ermöglichen, ohne die festgelegten Rahmenbedingungen eines Architekturbüros zusammen zu arbeiten und zu leben, unsere Fähigkeiten zu erproben und mehr über das Bauen zu lernen.

Wir entschieden, dass der beste Ort dafür Walsdorf war, ein Dorf mit 450 Einwohner:innen in der westdeutschen Provinz, in dem ein Gruppenmitglied aufgewachsen war. Mit der Entscheidung für das Dorf kam unser erster Kunde und seine Anfrage nach einer Garage als Werkstattraum. Als Gehalt handelten wir freie Verpflegung und die Unterkunft in einem Nachbargebäude aus. Auch sollten uns Materialien und Werkzeuge für den Bau des Projekts zur Verfügung gestellt werden. Ohne Erwartungen, genaue Pläne und nahezu ohne praktische Erfahrung begannen wir, um dort schließlich für fast acht Monate zu leben und zu arbeiten. In dieser Zeit haben wir alle Schritte selbst in die Hand genommen, vom Betonieren und Bauen einer Holzrahmenkonstruktion bis zur Herstellung von Fenstern, während wir uns alle die gleiche Wohnung teilten.

Das war für uns eine Gelegenheit, einen alternativen Ansatz für einen kollektiven Entwurf- und Konstruktionsprozess zu erproben. Normalerweise ist die Planung eines Gebäudes klar in verschiedene Phasen unterteilt. Zuerst kommt ein Vorentwurf, dann ein detaillierter Entwurf, dann seine Ausführung und so weiter. Wir haben dieses Prinzip weggelassen und, nachdem wir uns für einen Standort für unser Projekt entschieden hatten, begonnen, an einem Fundament zu arbeiten, ohne zu wissen, wie das endgültige Gebäude aussehen würde. Normalerweise haben die an einem Bauprojekt beteiligten Personen klare Berufe und Hierarchien. Für uns war ein gemeinsames Frühstück das erste Teamtreffen des Tages. Anschließend recherchierten und zeichneten wir Fassadendetails, kochten später ein gemeinsames Mittagessen und arbeiteten am Nachmittag auf der Baustelle an der Umsetzung des Projekts.

Im Anschluss daran war ich einige Jahre als Architekt in Belgien und Deutschland tätig, bevor ich mein eigenes Büro in Berlin gründete. Ich hatte meine früheren Erfahrungen fast vergessen, als ich von einer Freundin hörte, dass eine Gruppe Japanerinnen in Gerswalde, einem Dorf 100 km nördlich von Berlin, ein Café auf dem deutschen Land eröffnet hatte. Ich wollte mich persönlich davon überzeugen und fand ein authentisches japanisches Curry vor, das in der faszinierenden Atmosphäre eines alten Hauses, das in ein Café mit Galerie umgewandelt worden war, serviert wurde. Die Eigentümer hatten die bestehende raue Struktur mit bunten Fliesen und präzise angepassten Einbaumöbeln ergänzt. Die einladende Gastfreundschaft des Personals, die Ausstellungen und die umliegende Natur überzeugten mich, regelmäßig vorbeizukommen, und genauso taten dies viele Menschen aus der japanischen Gemeinde in Berlin. Während dieser Zeit teilte ich mein Berliner Atelier mit einem befreundeten Kommunikationsdesigner. Im nächsten Jahr entschloss er sich, sein Studio vollständig nach Gerswalde zu verlegen, da Selbstständige und Kreative aus Berlin nach Möglichkeiten suchten, aus dem teuren und dichten städtischen Gefüge auszubrechen. Nach einiger Zeit auf dem Land stellten wir fest, dass das Café in Gerswalde kein Einzelfall für die Transformation eines bestehenden Gebäudes ist, das mit neuer Nutzung umgebaut wurde, sondern ein Beispiel von vielen. Unter anderem besuchten wir Libken, eine Künstlerresidenz in einem Haus in Blockbauweise, Hof Prädikow, ein genossenschaftliches Wohnprojekt, Stolpe, eine Betonfabrik, die heute als Innovationszentrum fungiert, und Basta, einen Biobauernhof, der solidarische Landwirtschaft betreibt. Durch Papiercollagen, Kartierungen und Interviews haben wir versucht, eine Plattform und Diskussion zwischen den Orten zu schaffen. Durch die Beobachtung und Analyse dieser Fallstudien ähnlicher Größe und Intention entdeckten wir eine gemeinsame Erzählung.

Unsere Ergebnisse stellen das gemeingültige Paradigma des ländlichen Raums als Ort der Tradition und des Mangels in Frage. Für uns ist ein Großteil der Innovationen, die aus Städten hervorgehen, auf ein globales kapitalistisches System gerichtet oder wird früher oder später in dieses integriert. In unseren ländlichen Fallstudien haben wir räumliche und wirtschaftliche Beispiele gesehen, die eine Vielzahl autarker Lebensstile fördern. Wir sind auf Bewohner:innen gestoßen, die Ressourcen, Fachwissen und praktische Fähigkeiten aus ihrem unmittelbaren Kontext in ihren Lebensalltag einbeziehen. Dies beginnt in sehr kleinen Maßstäben und vergrößert stetig die Reichweite, um später ganze Gemeinschaften zu beeinflussen. Beispielsweise kann ein von der Gemeinschaft unterstützter Bauernhof Lebensmittel für ein lokales, solidarisches Verbrauchernetzwerk produzieren. Die Konsument:innen interessieren sich für die Herstellung ihrer Lebensmittel, der Bauernhof lädt sie ein und vermittelt ihnen neue Fähigkeiten, die es ihnen dann ermöglichen, am täglichen Betrieb des Bauernhofs teilzunehmen. Hier beobachteten wir, dass der ländliche Raum unabhängige Netzwerke unterstützen und gleichzeitig eine stärkere lokale Identität fördern kann.

Im Herbst 2019 kehrte ich mit Jan Lindenberg, Gründer des Projektraums löwen.haus, ins ländliche Japan zurück. Wir wollten untersuchen, ob die Entwicklungen, die wir im ländlichen Deutschland vorgefunden und kartiert hatten, auch in anderen Ländern der Welt zu finden sind. Von Osaka aus machten wir eine zweiwöchige Reise um das Seto Binnenmeer und die Shikoku Insel und trafen Aktivist:innen, Architekt:innen und Initiativen, die sich auf dem Land engagieren. Insbesondere suchten wir nach Strategien des Gemeinschaffens, die sich in konkreten Projekten manifestierten, sowie nach Ansätzen, mit aktuellen Fragen in der Gesellschaft umzugehen und nach neuen Verhaltensstrukturen innerhalb der von uns besuchten Gemeinschaften. In Japan hatte die Nuklearkatastrophe von Fukushima auch über 2011 hinaus viele Menschen dazu veranlasst, ihren städtischen Lebensstil zu überdenken und auf dem Land neu zu beginnen. Diese Neuankömmlinge suchten einen autarken Lebensstil in kleinen Gemeinden, Häuser mit reduziertem CO2-Fußabdruck und weniger Energieverbrauch, Arbeitsorte in unmittelbarer Nähe und Modelle des Zusammenlebens, die über die Kernfamilie hinausgehen. Trotzdem war es für viele wichtig, mit der Stadt verbunden zu bleiben. Auf unserer Reise haben wir neue ländliche Architekturtypen gefunden – Satellitenbüros, Lebensmittelgenossenschaften und Gemeinschaftsräume in abgelegenen Orten. Auf der Insel Shōdoshima ist ein kleines Gemeindezentrum mit einem anderen Gemeindezentrum in der Stadt vernetzt, und beide tauschen ihre Ressourcen, Personal und Ausstellungen aus. Ein Kreativunternehmen befindet sich zusammen mit seinem Servergebäude und einem Teil seines Büros in dem kleinen Dorf Kamiyama und ermöglicht den Teammitgliedern sowohl städtische als auch ländliche Arbeitsumgebungen. Eine Lebensmittelgenossenschaft in Kobe verbindet Landwirt:innen direkt mit ihren Endkund:innen, so dass Jungbauer:innen Betriebe außerhalb etablierter Vertriebsstrukturen gründen können. Auf die Reise hatten wir eine zweiseitige Karte mitgebracht, die unseren Heimatkontext von Brandenburg erklärte und das Thema unserer Reise, die räumlichen Verbindungen von Orten und Menschen in Japan, zeigte. Mit dieser Karte waren wir nicht nur Reisende, sondern Forschende, die bestimmte Arten gemeinsamer Aktivitäten untersuchten, die auf internationaler Ebene stattfinden.

Für mich bleibt die Frage danach, wie persönliche Erfahrungen, Praktiken und das Verständnis dieser ländlichen Bewegung visualisiert und kommuniziert werden können. Wie kann etwas, das in verschiedenen Teilen der Welt passiert, mit gleichem Fokus auf allen Ebenen verbunden und dargestellt werden? Der Begriff „Muster“, der nicht mit einer bestimmten Größe oder einem Ort verbunden ist, sondern sich mehr auf ähnliche Umgebungen und Beziehungen stützt, ist hierbei hilfreich. Durch diesen Ansatz, ein bestimmtes lokales Phänomen zu beobachten, sorgfältig zu analysieren und zu beschreiben, und dieses dann in verschiedenen weiteren Kontexten zu überprüfen, entsteht ein universelleres Muster, das es uns ermöglicht, ein breiteres Spektrum ländlicher Praktiken mit einer globalen Reichweite in seinen Ähnlichkeiten und Unterschieden zu verstehen und daraus zu lernen.

Dies ist der erste von drei Essays, die im Rahmen des Projekts „Muster ländlichen Gemeinschaffens“ von Niklas Fanelsa (Nachwuchskurator 2019-2020) erscheinen.

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