What about the provinces?

This issue looks at places beyond the metropolis: small and medium-size towns, little cities, remote villages. Here, in places that we cannot simply reduce to non-urban, our crises—political, social, economic, environmental—are magnified. It is also where experimentation is supposed to be more free. We head out there for new kinds of architecture and community, and a better life (or at least its illusion).

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Muster ländlichen Gemeinschaffens

Niklas Fanelsa zirkuliert Referenzen

Dies ist der zweite von drei Essays, die im Rahmen des Projekts „Muster ländlichen Gemeinschaffens“ von Niklas Fanelsa (Nachwuchskurator 2019-2020) erscheinen.

Im späten neunzehnten Jahrhundert entstanden in Deutschland und der Schweiz kleine Gemeinschaften im ländlichen Raum, wie die Obstbaukolonie Eden in der Nähe von Berlin und Monte Verità in der Nähe von Ascona. Als Teil einer größeren Reformbewegung entwickelten diese Gemeinschaften autarke Lebensformen, die auf gemeinschaftlichem Besitz und Produktion beruhten, ein enges Verhältnis zur Natur pflegten und so den materialistischen und Urbanisierungstrends der Industrialisierung ein alternatives System zur Seite stellten. Sie entwarfen die grundlegenden Elemente des gesellschaftlichen Lebens neu: von der Bildung zur Kleidung, von der Rolle der Frau in der Gesellschaft bis zu veganer Ernährung. Die Gemeinschaften führten jedoch kein per se isoliertes Leben, sondern kommunizierten ihre Vorstellungen an ein breites Publikum. So veröffentlichte die Obstbaukolonie Eden Zeitschriften und produzierte eine vegane Produktlinie, die den Grundstein für die spätere Biosupermarktkette Reformhaus legte. Kongresse, international bekannte Gäste und neue Lehrformate wie die Sommer-Tanzschule von Rudolf von Laban entstanden in der kulturell-künstlerischen Umgebung des Monte Verità. In den 1920er Jahren prosperierten solche Lebensreformgemeinschaften weltweit, und jetzt, einhundert Jahre später, entstehen wieder zahlreiche utopische Projekte – diesmal jedoch mit einem anderen Charakter.

Die Grenzen unserer neoliberalen Wirtschaft, die sich aus der Ausbeutung nicht erneuerbarer Ressourcen speist, haben einen starken Wunsch nach gesellschaftlichem Wandel, vor allem in Bezug auf unsere alltäglichen Lebensweisen und Gewohnheiten hervorgerufen. Krisen wie die derzeitige COVID-19 Pandemie offenbaren die Fragilität eines Lebensstils, der auf günstigen Flügen und nicht lokaler Warenproduktion beruht. Die Konzentration des weltweiten Kapitals in wachsenden Metropolräumen verteuert das Leben in Städten und macht diese weniger attraktiv – mehr Menschen suchen nach Freiräumen und einem einfacheren Lebensstil in Gemeinschaft.

Unterdessen ist das Paradigma der Stadt als einzige kreative Umgebung in sich zusammengebrochen. Der ländliche Raum ist nun ein Ort mit Potenzial, da er bezahlbaren Raum und Nähe zu den für die Lebensgestaltung notwendigen Produktionsweisen bietet. Menschen ziehen auf das Land, um dort Aktivitäten jenseits von unternehmerischem Professionalisierungsdruck nachzugehen. So entstehen neue Gemeinschaften im ländlichen Raum, die zwar vielfach keiner starken Ideologie folgen, jedoch nach Möglichkeiten suchen, ein besseres Leben zu entwerfen. Viele dieser Gemeinschaften pflegen die Nähe zum Stadtzentrum, um die verlorene Verbindung zwischen Stadt und Land auf neue Art wiederherzustellen. In der nahen Zukunft wird es wichtiger werden, alternative Lebens- und Arbeitsformen zu entwickeln, deren Funktionsweisen und Handlungsmuster auf lokalen und regenerativen Systemen fußen.

In dem Buch Die Hoffnung der Pandora reflektiert Bruno Latour über die spezifischen Erkenntnisse einer Forschungsgruppe im Amazonasgebiet. Entlang des Konzeptes der zirkulierenden Referenz diskutiert er, wie Feldforschungen zur Bodenbeschaffenheit Eingang in ein weiteres Diskursfeld finden: Durch eine Reihe wissenschaftlicher Verfahren werden an einem bestimmten Ort erhobene Daten in abstrakte Diagramme und Texte überführt, die dann mit internationalem Publikum ausgetauscht werden können. In diesem Verbreitungsprozess behält die Referenz zwar ihre Verbindung zu ihrem Ursprungsort und -zustand, verändert und verliert jedoch Teile ihres ursprünglichen Inhalts, um eine Vergleichbarkeit mit anderen Zusammenhängen herzustellen.

Wenngleich dieses kuratorische Projekt auf meinen Erfahrungen im ländlichen Raum in Deutschland und Japan beruht, wird es von gegenwärtigen, weltweiten Entwicklungen ländlicher Gegenden erweitert. Es nähert sich diesen Bewegungen entlang exemplarischer Muster in drei Themenfeldern: Handwerk, Kulinarik und Material. Muster aus unterschiedlichen Zusammenhängen zu entwickeln ermöglicht es, weitergreifende Aussagen zu formulieren: Ein Muster integriert bestimmte Beobachtungen in seine Struktur und lässt sich so zu anderen Mustern ins Verhältnis setzen. Durch diesen Prozess können Muster in unterschiedlichen Kontexten, Zeiten und Dimensionen angewandt werden. Sie werden zu einem hilfreichen Instrument, um unsere gegenwärtigen Lebensbedingungen zu lesen, historische Vorläufer zu verstehen und Zukunftsmodelle zu gestalten. Mein Vorschlag ist es, mit den folgenden Beobachtungen aus dem ländlichen Raum zu beginnen:

Neues Leben in alten Gebäuden

Die Baufälligkeit und der Leerstand vieler Gebäude auf dem Land lässt sich wie folgt erklären: sie zu renovieren oder zu unterhalten wäre zu teuer, der in ihnen angelegte Lebensstil entspricht nicht jenen der Besitzer:innen, sie werden mit einer negativen Vergangenheit assoziiert oder es ist schlichtweg einfacher, ein neues, komfortableres Haus zu bauen. Neue im Dorf lebende Menschen, die von der Stadt herziehen, sehen in diesen Baustrukturen eine Möglichkeit, sich niederzulassen und ein neues Leben oder Unternehmen aufzubauen. Die Neuankommenden erkennen das unmittelbare Potenzial dieser häufig im Dorfzentrum stehenden Gebäude und nutzen sie für neue Programme oder Unternehmensmodelle, die sowohl eine Verbindung zum Dorf als auch zu ihrem individuellen städtischen Netzwerk herstellen. Eine ehemalige Kirche in Saint-Adrien in Kanada wird zu einem Genossenschaftsladen und Tonstudio, ein altes Theater im japanischen Kamiyama öffnet sich dem Dorf und lädt internationale Kunstschaffende zu Performances ein, eine Scheune in Gerswalde in Deutschland wird Sommerbüro und Projektraum. Mit solchen Konzepten erhalten Bewohnerinnen und Bewohner bestehende, gebaute Formen, erweitern gleichzeitig ihren Nutzen und bringen neues Leben ins Dorf.

Hybride Bauweisen

Die Umformung der Wildnis in eine Kulturlandschaft hat mit der traditionellen, alltäglichen Bewirtung von Ländereien begonnen. Gebäude zu bauen war dabei integraler Bestandteil dieser gemeinschaftlichen Unterhaltsarbeit. Nach ihrer Erbauung wurden diese häufig schrittweise erweitert. Anwohner:innen halfen dabei, teilten ihr Wissen und Material und unterstützen so ein komplexes lokales System der gegenseitigen Gabe. Heute spiegelt sich dieser Ansatz in der Art und Weise wider, wie das Leben der Gebäude von ihren Nutzer:innen erweitert wird. Häufig wird Material aus alten Gebäuden dazu verwendet, andere existierende Strukturen zu reparieren und umzunutzen. Beispielsweise nutzte ein Hausbesitzer in Gerswalde Lehm aus der Baugrube einer anderen Baustelle, um seine Innenwände zu verputzen.

Regionale Produkte

In vielen ländlichen Gegenden Japans gibt es besondere Produkte, deren Form klar von ihrem jeweiligen Ort, den lokalen Produktionsweisen und verfügbaren Materialien geprägt ist. Vor Ort angebaute und hergestellte Lebensmittel wie Gemüse und Milchprodukte oder handgefertigte Objekte wie Möbel werden von den Konsumentinnen und Konsumenten in der Region stark nachgefragt. Selbst große Warenhäuser nehmen diese regionalen Produkte in ihr Sortiment auf. Ihre Herstellung ist dabei nicht nur eine Einkommensquelle, sondern auch der Beginn einer neuen lokalen Wirtschaft und Identität. Auf der Suche nach neuen regionalen Waren offenbaren sich lokale Fähigkeiten und Materialien, die wiederum für weitere Projekte genutzt werden können.

Arbeitskleidung

Auf dem Land zeigt sich die Verbindung der Bewohner:innen mit ihrer unmittelbaren Umgebung und den Jahreszeiten häufig in ihrer Kleidung. Weite Hemden und Hosen sind an heißen Sommertagen bequemer und luftdurchlässiger. Traditionell für ländliche Arbeitskleidung verwendete Materialien wie Baumwolle und Leinen werden heute von innovativen Schneider:innen für aktuelle Kollektionen verwendet und einfachere Schnittmuster eignen sich zur Herstellung im zu Hause. Im Winter bieten weitgeschnittene Mäntel aus Bio-Wollfilz Wärme – dieses Material muss zur Reinigung nur gelüftet werden. Im Nordosten Deutschlands prägen lokal erhältliche Utensilien für natürliche Färbetechniken wie Walnüsse oder Tannenzapfen zudem die Farbpaletten der Kleidung.

Gemeinsame Abendessen

Ländliche Lebensweisen sind stärker an gemeinschaftlicher Herstellung und Verwendung von Nahrungsmitteln ausgerichtet, als dies in Städten der Fall ist. Ich habe an Abendessen teilgenommen, bei denen eine große Personengruppe während des gemeinsamen Essens zahlreiche Ideen diskutierte. Internationale Rezepte wurden mit lokalen Zutaten kombiniert. Saisonale Gemüse wurden frisch geerntet und mit regionalen Produkten kombiniert. Beispielsweise wird ein japanisches Curry mit einem Salat aus Wildpflanzen von der nahegelegenen Wiese angerichtet. Diese Versammlungen ermöglichen das unerwartete Kennenlernen anderer Personen, mit denen oft praktische Informationen über das Dorfleben ausgetauscht und gemeinsame Pläne für zukünftige Projekte geschmiedet werden.

Landwirtschaftsgenossenschaften

Große Teile der Lebensmittelproduktion finden heute industrialisiert in global agierenden, staatlich geförderten Konzernen statt. Möglicherweise als Ergebnis daraus steigt das Interesse und der Wunsch nach regionaleren und umweltfreundlicheren Herstellungsweisen von Lebensmitteln. So sind aus bestehenden Netzwerken lokal organisierte, unabhängige Kooperativen zur Lebensmittelherstellung entstanden. Diese landwirtschaftlichen Genossenschaften beliefern Haushalte in nahegelegenen Städten wöchentlich mit frischem Gemüse und selbstgemachten Produkten. Die Konsument:innen bezahlen dabei nicht für jedes einzelne Stück Obst oder Gemüse, sondern abonnieren eine Kiste, deren Inhalt sich am saisonalen Angebot orientiert. Die Waren werden an einem zentralen Ort gepackt und verteilt, häufig ist dies ein Gemeinschaftszentrum oder Regionalladen. Die an der Genossenschaft beteiligten Haushalte können die Höfe häufig auch durch freiwillige Arbeit unterstützen oder ihre Ferien auf einem Gasthof verbringen. Einige Höfe vermieten ihre Räumlichkeiten oder bieten selbst Seminare und Workshops zu Themen wie biologischer Landwirtschaft, Biodiversität und Kochen an. Die Höfe pflegen zudem meist enge Verbindungen zu Restaurants in der Stadt, die frische und lokal hergestellte Produkte verwenden.

Workshops

Mit Hilfe einer Workshop-Reihe, die drei Experten:innen durch die Themenfelder Handwerk, Kulinarik und Material folgt, möchte ich weitere persönliche Narrative, Diagramme und Muster entstehen lassen. In drei eintägigen Workshops und einer Abschlussveranstaltung werden sich die Teilnehmenden aktiv mit der lokalen Umgebung, ihrem Netzwerk und ihren ästhetischen Qualitäten auseinandersetzen. Wir werden den ländlichen Raum und sein Potenzial für gemeinschaftliche Aktivitäten erleben, um daraus mögliche Narrative für neue Gesellschaftsformen zu entwickeln.

Mit Unterstützung des lokalen Projektraums löwen.haus wird der erste Workshop der Reihe vom 4.-6. September 2020 in Gerswalde im ländlichen Brandenburg stattfinden.

Patterns of Rural Commoning Part 1: Craft
Patterns of Rural Commoning Part 2: Food
Patterns of Rural Commoning Part 3: Material

Weiterführende Literatur

• Alexander, Christopher. A Pattern Language. New York: Oxford University Press, 1977.
• Bartoli, Sandra, Marco Clausen, Silvan Linden, Åsa Sonjasdotter, Florian Wüst, Kathrin Grotz, und Patricia Rahemipour, Hg. Archäologien der Nachhaltigkeit. Hamburg: adocs, 2020. Bätzing, Werner. Das Landleben. München: C.H. Beck, 2020.
• Blume, Eugen, Matilda Felix, und Gabriele Knapstein, Hrsg. Black Mountain An Interdisciplinary Experiment 1933–1957. Leipzig: Spector, 2019.
• Borgonuovo, Valerio, und Silvia Franceschini. Global Tools 1973–1975: When Education Coincides with Life. Rom: Nero, 2019.
• Diederichsen, Diedrich, und Anselm Franke, Hg. The Whole Earth – California and the Disappearance of the Outside. Berlin: Sternberg Press, 2013.
• Einfälle statt Abfälle, Handwerk Buch 2: Wir bauen ein Lehm-Fachwerkhaus. Kiel: Packpapier Verlag, 2004.
• “Fermenting Culture: An Interview with David Zilber,” Emergence Magazine podcast, Oktober 2019. https://emergencemagazine.org/story/fermenting-culture/. • Fezer, Jesko, und Martin Schmitz, Hg. Lucius Burckhardt Writings. Rethinking Man-made Environments: Politics, Landscape & Design. Heidelberg: Springer, 2012.
• Gatti, Mirko, Stefan Gruber, Christian Hiller, Max Kaldenhoff, und Anh-Linh Ngo, Hg. An Atlas of Commoning: Places of Collective Production. Berlin: Arch+, 2018.
• “Islands and Villages – A documentary series on the posturban phenomenon in rural Japan.” Montréal: Canadian Centre for Architecture, 2018. https://www.cca.qc.ca/en/articles/issues/26/what-about-the-provinces/56455/islands-and-villages.
• Jean, Bruno. “The study of rural communities in Quebec: from the “folk society” monographic approach to the recent revival of community as place-based rural development.” Journal of Rural and Community Development 1 (2006): 56-68.
• Kaijima, Momoyo, Yu Iseki, und Laurent Stalder, Hg. Architectural Ethnography – Japanese Pavilion Venice Biennale 2018. Tokio: TOTO, 2018.
• Koolhaas, Rem. Countryside, A Report. Köln: Taschen, 2020.
• Latour, Bruno. Pandora’s Hope: An Essay on the Reality of Science Studies. Cambridge: Harvard University Press, 1999.
• Tagada, Johanna and Tilmann S. Wendelstein, Hg. Journal du Thé 1–3. London: Poetic Pastel Press, 2020.
• Ungers, Liselotte and Oswald Mathias. Kommunen in der neuen Welt. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 1972.

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